Ein Blatt Papier hat einen winzig kleinen Knick. Das Geschwisterkind schaut komisch. Das Fleisch auf dem Teller berührt den Kartoffelsalat. Der sorgsam gebaute Turm stürzt plötzlich ein. Die Erzieherin kündigt die Aufräumzeit an. Mama und Papa kaufen kein neues Spielzeugauto und ein Eis gibt es kurz vor dem Abendessen leider auch nicht. Und schon passiert es.
Beinah täglich stehen Eltern und Pädagog:innen vor der Aufgabe, Kinder durch die Wut zu begleiten. Sie versuchen, sie zu beruhigen und gleichzeitig die eigene Wut im Zaum zu halten, die in solchen herausfordernden Situationen nicht lang auf sich warten lässt. Wenn sich Mütter, Väter oder pädagogische Fachkräfte hilfesuchend an mich wenden, lade ich sie zuallererst dazu ein, sich mit der eigenen Wut auseinander zu setzen und frage:
Kinder, die laut „Stop, hör auf mich zu hauen!“ rufen oder Erwachsene, die sich zusammenschließen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen würden das nicht tun, ohne zuvor Wut verspürt zu haben. Wenn Kinder wütend werden, hören sie oft, dass das gar kein Grund sei sauer zu werden, weil es Erwachsenen schwer fällt, die Gründe des Wutausbruchs zu verstehen. Aus einer Erwachsenensicht ist ein Knick im Papier kein Grund, das Blatt zu zerreißen und in den Mülleimer zu feuern. Doch wie würde es mit einem Knick in der ausgedruckten Broschüre aussehen, die man gerade frisch aus der Druckerei erhalten hat?
Es geht auch nicht darum zu beurteilen, was für Kinder, Mütter, Väter oder Pädagog:innen als schlimm wahrgenommen wird. Es geht vielmehr darum zu vermitteln, dass Wut in erster Linie ein positives und alltägliches Gefühl ist, das von allen Menschen und sogar auch Tieren gespürt wird und eine wichtige Funktion hat – nämlich auf ein unerfülltes Bedürfnis hinzuweisen. Im Laufe des Lebens eignen wir uns eine gewisse Strategie an und lernen Reaktionen kennen, die uns gut tun oder aber noch mehr in Rage bringen. Sehen wir uns diese genauer an, bekommen wir ein Gespür dafür, was wir in einer Wutsituation brauchen. Wir möchten zunächst einmal wahrgenommen werden, ganz gleich wie banal der Grund unseren Parnter:innen, Kolleg:innen, Leitungen, oder Freund:innen vorkommen mag. Wir möchten angehört werden und über die Wut sprechen, sie rauslassen dürfen. Und wir brauchen Vorbilder, deren angemessene Reaktion wir nachahmen können.
Nun möchte ich dich herzlich einladen, die oben genannten Fragen zu beantworten. Und vielleicht kommst auch du zu dem Ergebnis, wie gut es tun kann, eine nahestehende Person zu haben, die man wutentbrannt, ganz ohne Gefahr anrufen kann und die dir vermittelt:
Dieser Beitrag wurde auch auf www.derkinderarztblog.com veröffentlicht.