Wenn Kinder nicht kooperieren

Ein Beitrag über Fremdbestimmung und Selbstbestimmung in der Kindheit

Wenn wir ein Kind vor uns haben, das nicht kooperiert und trotz allen Zuredens einfach nicht das tut, was wir von ihm erwarten, stoßen wir schnell an unsere Grenzen. Auf den ersten Blick können wir absolut keinen triftigen Grund erkennen, warum das Kind etwas verweigert und sind schnell genervt, wütend und hilflos. Wir versuchen alles und hangeln uns vom Motivieren zum Überreden, stellen eine Belohnung in Aussicht und wenn nichts hilft, landen wir beim Androhen einer Strafe und im schlimmsten Fall beim Zwang.

Mut zum Perspektivenwechsel

Warum Kinder, Kolleg:innen, Familienmitglieder in einer bestimmten Situation so und nicht anders reagieren, können wir besser verstehen, wenn wir versuchen, ihre Perspektive einzunehmen.  Der Perspektivenwechsel ist fester Bestandteil der systemischen Praxis, trägt maßgeblich zu einem wertschätzenden Miteinander bei und unterstützt alle Beteiligten, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Sehen wir uns den Familien- und Kitaalltag aus der Perspektive unserer Kinder an, wird uns schnell deutlich:

Vieles im Alltag der Kinder ist fremdbestimmt.

Wenn Kinder streiken: Mut zum Perspektivenwechsel! Ein Beitrag über die Fremdbestimmung und Selbstbestimmung bei Kindern im Familien- und Kitaalltag

Die allermeisten Punkte im Tagesablauf werden von uns Erwachsenen vorgegeben.

 

Aufgestellte Regeln in der Familie, in der Kita, in der Schule, im Hort, im Verein und alle gesellschaftlichen Normen gilt es zu beachten - und das sind eine ganze Menge!

 

Die Grenzen der kindlichen Entwicklung dürfen wir hier ebenfalls nicht vergessen. Wenn Kinder ihr eigenes ICH entdecken, selbstständig sein und entscheiden wollen, es aber noch nicht gelingen mag, ist das sehr frustrierend.

 

Die allermeisten Kinder müssen an Bildungsangeboten teilnehmen, die von Erwachsenen geplant und durchgeführt werden, weil sie sie als wichtig erachten. Von Kindern wird erwartet, sich an feste Stundenpläne mit festen Themen zu halten, die sie durcharbeiten müssen - egal, ob sie sich gerade für die Photosynthese interessieren oder nicht. Das, was sie im Augenblick begeistert, muss oft festen Förderprogrammen, Angebotsplänen oder dem Termindruck der Erwachsenenwelt weichen.

 

Und dann wäre da noch die Sache mit der Zeit. Während Kinder noch damit beschäftigt sind, den neuen Gedanken zu Ende zu denken, das neu erlernte Lied zu Ende zu singen, den Bauplan mit ihren Bausteinen zu vollenden, die Beschaffenheit der Blumenerde zu untersuchen, werden sie schnell zum nächsten Tagespunkt, zum nächsten Angebot, zur nächsten Aktion getrieben. 

 

Wie lange würden wir Erwachsene diesen Zustand der fast permanenten Fremdbestimmtheit wohl aushalten? Wie lange würden wir brauchen, bis wir uns weigern, alles mitzumachen, was von uns erwartet und verlangt wird. Wann würden wir aufstehen und sagen:

"Jetzt reicht's! Das mach' ich nicht mit!"

Was der Perspektivenwechsel für unseren Alltag mit Kindern bedeutet und wie wir eine Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit finden können.

Ich empfinde einen gewissen strukturierten Rahmen als sehr haltgebend und hilfreich. Kinder brauchen diesen als Orientierung! Sinnvolle und gute Entscheidungen zu treffen, fällt Kindern - je nach Entwicklungsstand und Alter - noch sehr schwer und kann sie sogar überfordern. Und dennoch brauchen sie innerhalb dieses festen Rahmens Freiräume, um sich als eigenständiger, selbstwirksamer und kompetenter Mensch zu erleben und um als dieser von uns Erwachsenen wahrgenommen und respektiert zu werden.

 

Um ein Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmtheit und einer festen Struktur herzustellen, ist es wichtig, transparent zu machen, welche Punkte aus der Sicht der Eltern und Pädagog:innen fest und somit nicht verhandelbar sind und was Kinder im Gegenzug selbst bestimmen können.

 

Einige Beispiele möchte ich dir hier vorstellen. Wie bei allen anderen Impulsen auf meiner Seite gilt auch hier: Ich kenne deine jetzige Situation nicht. Schau, was für dich, dein Kind, deine Gruppe umsetzbar ist und siehe es als eine Anregung an, bestimmte Tagespunkte zu verändern.

Beispiele für ein gutes Gleichgewicht zwischen Struktur und Freiraum

Wenn Kinder streiken: Mut zum Perspektivenwechsel! Ein Beitrag über die Fremdbestimmung und Selbstbestimmung bei Kindern im Familien- und Kitaalltag

Mir ist es wichtig, dass du ganz viel über die Tiere unserer Erde weißt. In dieser Woche lernen wir Insekten kennen.

 

Du kannst entscheiden, ...

  • mit welchem Tier wir beginnen wollen. (Mit mehreren Kindern können alle Einfälle gesammelt werden. Mit Hilfe einer Abstimmung in einer Kinderkonferenz könnt ihr entscheiden, mit welchem Tier gestartet wird.)
  • was du dazu gern machen möchtest. (Eine Film dazu ansehen, das Tier basteln, malen, nachbauen, das Tier in der Umgebung suchen, ein Buch aus der Bücherei holen, einen Experten / eine Expertin fragen...)

Und: Nein, es muss nicht jedes Kind den gleichen Schmetterling ausschneiden, um zu lernen, wie er aussieht.

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Mir ist es wichtig, dass wir alle mindestens einmal am Tag an die frische Luft gehen.

 

Du kannst entscheiden, ob du...

  • gleich am Vormittag oder lieber am Nachmittag mitgehen möchtest.
  • dein Laufrad, dein Springseil oder Kreide mitnehmen möchtest.
  • zum Spielplatz oder zum Storchennest laufen möchtest.
  • dich bewegen, klettern, schaukeln oder in eine Decke eingekuschelt auf der Bank sitzen möchtest.
Wenn Kinder streiken: Mut zum Perspektivenwechsel! Ein Beitrag über die Fremdbestimmung und Selbstbestimmung bei Kindern im Familien- und Kitaalltag

Nach dem Mittagessen findet unser gemeisamer Spielkreis statt.

 

Du kannst entscheiden, ob du...

  • teilnehmen oder im anderen Zimmer bleiben und etwas Leises spielen möchtest.
  • heute neben mir oder einem bestimmten Kind sitzen möchtest.
  • mitspielen oder nur zuschauen möchtest.

Was ist dir wichtig? Dass alle Kinder bei deinem Spielkreis mitmachen, ob sie wollen oder nicht oder dass alle Kinder, die teilnehmen, Freude am gemeinsamen Spiel haben?

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Heute sind wir kreativ und gestalten bunte Frühlingsbilder.

 

Du kannst entscheiden, ...

  • welche Farben für dich zum Frühling passen. (Das klingt zwar ziemlich seltsam, aber sogar das können viele Kinder nicht selbst entscheiden.)
  • ob du Stifte, Wachsmalkreide oder Wasserfarben nehmen möchtest.
  • ob du mit einem Pinsel, mit den Fingern, mit einem Stäbchen oder einem Schwamm malen möchtest.
  • was du mit deinem Bild machen möchtest - behalten, aufhängen, verschenken oder wegschmeißen. (Manche Kinder ärgern sich sehr, wenn sie sich vermalt haben und sollten immer von neuem starten dürfen.)

Und wenn das Kind trotzdem nicht will?

Dann ist das in diesem Augenblick so.

Gebe ihm ein paar Minuten Bedenkzeit und frage es nochmal.

Frage, ob es eine anderen Vorschlag hätte.

Ein Kind zu etwas zu zwingen und seine Grenzen zu überschreiten ist etwas, das absolut vermieden werden sollte. Doch manchmal geht es nicht anders. Manchmal müssen wir laut protestierende Kinder vom Garten ins Haus tragen, weil wir einen Termin wahrnehmen müssen. Wir müssen sie gegen ihren Willen mitnehmen, weil wir weder sie ohne Aufsicht im Garten noch unsere Kolleg:innen mit 24 Kindern alleine lassen können.

 

Doch wenn wir in anderen Situationen des Tages den Kindern die Selbstbestimmtheit lassen, können wir viele solcher Momente verhindern und tragen maßgeblich zur Entwicklung eines starken ICH bei.

Ich hoffe, du findest in diesem Beitrag ein paar Anregungen und kannst sie in deiner Familie / Kita / Schule erfolgreich umsetzen! Deine Anastasia