Wenn Kinder wütend werden

Ein Beitrag über Wut als ein wichtiges Gefühl und wie Mütter, Väter und Kita-Fachkräfte auf ein wütendes Kind reagieren können

Ein Blatt Papier hat einen winzig kleinen Knick. Das Geschwisterkind schaut komisch. Das Fleisch auf dem Teller berührt den Kartoffelsalat. Der sorgsam gebaute Turm stürzt plötzlich ein. Die Erzieherin kündigt die Aufräumzeit an. Mama und Papa kaufen kein neues Spielzeugauto und ein Eis gibt es kurz vor dem Abendessen leider auch nicht. Und schon passiert es.

 

Kinder reagieren mit heftiger Wut und tun sich schwer, die Situation zu bewältigen.

 

Beinah täglich stehen Eltern und Pädagog:innen vor der Aufgabe, Kinder durch die Wut zu begleiten. Sie versuchen, sie zu beruhigen und gleichzeitig die eigene Wut im Zaum zu halten, die in solchen herausfordernden Situationen nicht lang auf sich warten lässt. Wenn sich Mütter, Väter oder pädagogische Fachkräfte hilfesuchend an mich wenden, lade ich sie zuallererst dazu ein, sich mit der eigenen Wut auseinander zu setzen und frage:

 

Was macht denn Sie als Elternteil, Erzieher:in, Kita-Leitung so richtig wütend?

Eine Kinderhand hält wütend einen Stock in der Hand.

 

  • Was müssen andere tun, um Sie zu verärgern? Welche Worte oder Reaktionen auf Ihre Wut verstärken sie?  Welche tun gut?
  • Welchen Umgang mit Wut haben Sie als Kind kennen gelernt? Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert, wenn Sie als Kind wütend wurden?
  • Wo oder bei wem haben Sie das Gefühl, wütend sein zu dürfen, ohne negative Konsequenzen zu befürchten?
  • Können Sie sich an eine Situation erinnern, die Sie gut meistern konnten, weil Sie Ihre Wut angemessen geäußert und erklärt haben?
  • Wie sieht für Sie ein angemessener Umgang mit Wut aus? Was sollte jedes Familienmitglied tun dürfen, wenn es verärgert ist? Was ist ok und was nicht? Und ist das allen bekannt?

Wut ist ein fester Bestandteil des Kita- und Familienalltags.

 

Kinder, die laut „Stop, hör auf mich zu hauen!“ rufen oder Erwachsene, die sich zusammenschließen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen würden das nicht tun, ohne zuvor Wut verspürt zu haben. Wenn Kinder wütend werden, hören sie oft, dass das gar kein Grund sei sauer zu werden, weil es Erwachsenen schwer fällt, die Gründe des Wutausbruchs zu verstehen. Aus einer Erwachsenensicht ist ein Knick im Papier kein Grund, das Blatt zu zerreißen und in den Mülleimer zu feuern. Doch wie würde es mit einem Knick in der ausgedruckten Broschüre aussehen, die man gerade frisch aus der Druckerei erhalten hat?

Es gibt kein Maß, keine Norm für gute oder schlechte Gründe, wütend zu werden.

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Es geht auch nicht darum zu beurteilen, was für Kinder, Mütter, Väter oder Pädagog:innen  als schlimm wahrgenommen wird. Es geht vielmehr darum zu vermitteln, dass Wut in erster Linie ein positives und alltägliches Gefühl ist, das von allen Menschen und sogar auch Tieren gespürt wird und eine wichtige Funktion hat – nämlich auf ein unerfülltes Bedürfnis hinzuweisen. Im Laufe des Lebens eignen wir uns eine gewisse Strategie an und lernen Reaktionen kennen, die uns gut tun oder aber noch mehr in Rage bringen. Sehen wir uns diese genauer an, bekommen wir ein Gespür dafür, was wir in einer Wutsituation brauchen.  Wir möchten zunächst einmal wahrgenommen werden, ganz gleich wie banal der Grund unseren Parnter:innen, Kolleg:innen, Leitungen, oder Freund:innen vorkommen mag. Wir möchten angehört werden und über die Wut sprechen, sie rauslassen dürfen. Und wir brauchen Vorbilder, deren angemessene Reaktion wir nachahmen können.

 

Nun möchte ich dich herzlich einladen, die oben genannten Fragen zu beantworten. Und vielleicht kommst auch du zu dem Ergebnis, wie gut es tun kann, eine nahestehende Person zu haben, die man wutentbrannt, ganz ohne Gefahr anrufen kann und die dir vermittelt:

 

 

  • Ich höre dir zu!
  • Ich sehe dich und deine Wut!
  • Ich glaube dir, dass dich das wütend gemacht hat, ohne den Grund zu bewerten!
  • Lass uns gemeinsam überlegen, was du tun kannst, um das Problem zu lösen.

 

 

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Beitrag einen kleinen Gedankenanstoß geben und dich ermuntern, auf die nächste Wutsituation mit deinem Kind oder in deiner Kita-Gruppe anders zu reagieren. Deine Anastasia

Dieser Beitrag wurde auch auf www.derkinderarztblog.com veröffentlicht.