Das Unkraut

Eine Geschichte von Marie von Ebner-Eschenbach über Resilienz, Durchsetzungsvermögen und innere Stärke

"Du Armes!", sprach eine feine Blume zu einem Unkraut, das über Nacht neben ihr emporgeschossen war. "Sehr leid tust du mir. Kaum lässt du dich blicken, dass auch schon der Gärtner oder einer seiner Gesellen kommt und dich unter Verwünschungen wegfegt. Wenn ich bedenke, wie ich im Vergleich zu dir behandelt, wie ich behütet, gepflegt, bewundert werde, muss ich mich wirklich schämen." Sie neigte ihr rosiges Köpfchen und machte ein tugendhaft bescheidenes Gesicht.

 

Das Unkraut stieß ein derbes Lachen aus: "Ein Mitleid, du zartes Gebilde, ist übel angebracht. Siehst du denn nicht, wie lässig der Kampf gegen mich geführt wird? Mit einem Harkenstreich, einem Schlag mit der Stiefelsohle wird er meist abgetan. Selten greift die Feindseligkeit mir an meine starke Wurzel, die sich tief und fast unausrottbar in das Erdreich senkt.

 

Mich stets aus ihr zu erneuern ist mein Vergnügen und meine Wonne. Deine Wurzeln jedoch, Gehegte und Gepriesene, sind zart und fein wie du selbst, und nicht selten geschieht's, dass sie von dem ausgerissen werden, der einige deiner Blüten pflücken will. Sehr verschieden, darin hast du recht, ist unsre Stellung in der Welt, aber sage mir, wer die seine besser behauptet!"

Resilienz - Die Fähigkeit, unter erschwerten Bedingungen zu wachsen.

Die Geschichte von Marie von Ebner-Eschenbach "Das Unkraut" - Resilienz, innere Stärke und Widerstandskraft entwickeln wie ein Unkraut, ist eine beneidenswerte Fähigkeit.

Wer bestimmt, wer schön ist und wer nicht? Wer sagt an, welches Kind es wert ist, unter guten Bedingungen aufzuwachsen und welches Kind sich mit einem kleinen Fleckchen Erde und ein paar Tropfen Wasser zufrieden geben sollte?

 

Viele Pädagog:innen, Mütter und Väter sind unter belastenden Bedingungen aufgewachsen und haben es dennoch geschafft, innere Stärke und Durchsetzungsvermögen aufzubauen und diese Kompetenzen an ihre Kinder weiterzugeben.

 

Die Fähigkeit zu haben, all die negativen Bewertungen, die Rücksichtslosigkeit, Ungerechtigkeit, Boshaftigkeit und Wut anderer Menschen nicht an unser Ich, unseren inneren Kern, unsere Wurzel heranzulassen ist wirklich bewundernswert und nicht leicht zu erlernen. Denn eigentlich streben wir von kleinauf danach, gesehen, gemocht und gelobt zu werden. Das ist ein angeborenes, natürliches und menschliches Grundbedüfnis. Wird es erfüllt, fühlen wir uns wohl, gestärkt und ermutigt. Wird es nicht erfülllt, sind wir geknickt, traurig und verletzt. Wir bekommen das Gefühl, wie ein Unkrautpflänzchen weniger wert zu sein.

"Wir dürfen uns nicht durch die begrenzten Vorstellungen anderer Leute definieren lassen."

Virginia Satir

Bauen wir unser Selbstwert auf den Worten und Reaktionen unserer Mitmenschen auf, machen wir uns von ihnen und ihrem Handeln abhängig. In meiner Arbeit als systemische Beraterin begleite ich Menschen, die genau diese Erfahrung gemacht haben. Sie wünschen sich, ihren inneren Kern, ihren Selbstwert wieder zu entdecken und das Gefühl loszuwerden, nur dann wertvoll zu sein, wenn sie die Erwartungen anderer erfüllen.

 

Dabei hat das Handeln unseres Gegenübers meist recht wenig mit uns zu tun, sondern mit seiner Situation, seinen Vorerfahrungen, seinem aktuellen Befinden, seiner persönlichen Einstellung und seinem erlernten Muster, mit "Unkraut" umzugehen.


Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn es meinen Klient:innen gelingt, diesen Gedanken in ihren Alltag zu integrieren und hoffe, dass dieser Beitrag auch bei Dir für einen kleinen Gedankenanstoß sorgt! Deine Anastasia